Hyperm@n - Retter der Exportfiles

 

Eingetragen von
Georg Franz  [02.01.1997]

Hyperm@n - Retter der Exportfiles

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Wenn man den x-Experten und den y-Wissenden Glauben schenken darf, dann ist neben dem gefährlichen Verrutschen von Silikonimplantaten und dem unaufhaltsamen Vormarsch der 3. Welt, vor allem die Unterwanderung unserer Volkskultur mit Computern die größte Gefahr des ausgehenden 20. Jahrhunderts. So begab es sich zu jener Zeit also, daß sich unser Superheld Hyperm@n wieder einmal auf die frischen Socken machte, um in Not geratenen PC-Sklaven in der unendlichen Weite des Webs zur Seite zu stehen.

Das Schicksal trug das seinige dazu bei, daß es ihn in ein abgeschiedenes und unbekanntes Dorf an der Grenze verschlug, das von computerlosen Sonderlingen bewohnt war. In einer von natürlichem Liebreiz nur so triefenden Gegend (und sie hatten dort, bei Gott, viel Gegend) wankten als absoluter Gegenpol recht dümmlich anzusehende und bedauernswerte Geschöpfe ziel- und PC-los durch die schönen Mischwälder.

Es geschah also das Unausweichliche, und unser Hyperm@n traf auf dieses vielleicht trotzdem glückliche Völklein. Diese waren über dieses für sie völlig unverständliche Zusammentreffen mit Hyperm@n einigermaßen aufgebracht. Die einen hielten ihn für einen entfernten Verwandten von Perry Rhodan, die anderen wiederum gaben sich mit der Erklärung zufrieden, daß es sich um den Sekretär des altehrwürdigen Regionalmanagers F. handle. Da sich unser Held aber als keiner von den beiden zu erkennen gab, brachte man unseren bedauernswerten Hyperm@n zum Dorfältesten, welcher diesen Titel aber nicht seinem Alter, sondern seinem Lebenswandel verdankt, er war Schilcherbauer.

Somit lag nun das Schicksal Hyperm@ns in den Händen des allmächtigen und erbarmungslosen Hardliners, von seinen Freunden liebevoll "Beppo" gerufen. Beppo nahm sich Hyperm@n also an, der wie von eitrigem Fieber verwirrt dauernd etwas von PCs, Modems, WorldWideWeb, Übertragungsraten und dem nahenden 21. Jahrhundert faselte. Völlig verständnislos saßen sich die beiden gegenüber und verstanden die böse, böse Welt nicht mehr. Der Zorn Beppos schien bereits exorbitante Ausmaße zu erreichen, sodaß Hyperm@n sich bereits bis an sein selig End` im feuchten Gemeindekotter bei Schilcher und Kürbisknabberkernen schmachten sah, als ihm, wie fast immer in solchen Situationen, die rettende Idee kam: Hyperm@n begann ganz einfach in sein (wahrscheinlich auch für uns EDV-Spezialisten unverständliches Gewäsch) so Wortfetzen wie "Datenautobahn", "Virtueller Bauernladen", "Globales Dörfchen" und dergleichen einzuflechten. Wohl dosiert natürlich, um unseren Beppo nicht der Gefahr eines akuten cerebralen Sauerstoffmangels auszusetzen.

Der schlaue Beppo seinerseits aber verzog keine Miene, und in ihm begann jetzt so etwas wie der Geist des 21. Jahrhunderts zu gären und zu brodeln. Regungslos wie "Dirty Harry" ließ er Hyperm@n vom Dorfsekretär, der als einziger des Schreibens u n d des Lesens mächtig war, in den Gemeindekotter abführen. Alsbaldigst berief nun Beppo eine Dorfratsversammlung ein, in welcher er seinen Vertrauten seine Ideen zur Abstimmung darlegte, die einstimmig angenommen wurden. Beppo ließ nämlich in seinem 4-stündigen Monolog keine wie auch immer geartete Zweifel offen, daß das kleine Dorf ohne den Anschluß an die gelobte Datenautobahn und die Errichtung eines virtuellen Bauernladens nie und nimmer das 21. Jahrhundert erreichen und überleben könne. So beschloß man (also er) den Bau eines eigenen Autobahnzubringers, welcher offiziell "Datengemeindeweg" bezeichnet wurde, um hochdotierte Förderungen lukrieren zu können. Weiters schien es völlig unerläßlich, direkt an der Autobahnauf/abfahrt einen virtuellen Bauernmarkt zu errichten. Gesagt, getan, die nötigen Förderungen waren schnell zugesichert, und so begann man unter dem Gejohle der Bevölkerung, die ersten Meter des Datengemeindeweges in den lauschigen Mischwald zu graben, denn irgendwo hinter den Bergen bei den 256 Zwergen würde sich diese Datenautobahn (einige getrauten sich doch wirklich schon "Datenhighway" zu sagen) doch wohl befinden.

Der Geist der Erneuerung und des Fortschritts wehte auf einmal durch alle Ritzen und durch alle Köpfe. So war es auch nicht verwunderlich, daß man den bedauernswerten Hyperm@n, der absolut nicht wußte, wie ihm geschah, aus dem Gemeindekotter befreite und ihm freudenstrahlend die Position eines "Virtuellen Bauernladenleiters" (VBLL) anbot. Hyperm@n, der nach wie vor um sein junges Leben fürchtete, nahm glückstrahlend das Angebot an und wurde lautstark von der tobenden Menge akklamiert, obwohl ihm die Dörfler nach wie vor erscheinungsdeviant vorkamen. Aus dieser allgemeinen Euphorie heraus errichtete man (also er, Beppo) zwei Gedenkstätten für ihn selbst. Der Datengemeindeweg war bereits einige hundert Meter lang, dann ging man daran, die Planung des virtuellen Bauernladens in Angriff zu nehmen. Der Auftrag wurde dem örtlichen Baumeister als Fastbestbieter erteilt. Beppo betrachtete die Situation mit großer Genugtuung und heckte bereits den nächsten Coup aus: Ausgestattet mit einem Lunchpaket aus dem noch nicht fertiggestellten Bauernladen, schickte er seinen Ältesten auf die große Reise in die noch größere Stadt, um ihn auf der hohen Schule das Handwerk des "Multimediaberaters" erlernen zu lassen.

Nun denn. Die Datengemeindestraße wurde länger und länger, und die Produktpalette im Bauernladen wurde größer und größer. Insgeheim träumte Beppo schon von einer ganzen Kette von "Wörtschl Markits". Vor allem die Erzählungen Hyperm@ns erweckten immer neuen Fortschrittswillen in ihren Köpfen und Herzen. Indes genoß Hyperm@n das Leben eines Geschäftsführers ohne Geschäft und ohne Waren. Was gibt es Schöneres, dachte er wieder und wieder, als sein Leben völlig virtuell zu genießen!

Die getreuen Dörfler blieben mittlerweile auch nicht untätig, und auf Anraten Hyperm@ns, inzwischen Ehrenringträger des Dorfes, wurde ein Flachbettscanner angeschafft, um die ersten Hauswürstel und Kernölflaschen netzwerktauglich einzuscannen. Alles eitel Wonne. Nur der Dorfwirt weigerte sich, sein "Gasthaus zur Schwemme" in "Internetschenke" umbenennen zu lassen. Als sich aber dann einige Unwissende zu einer "Websportgruppe" zusammenrottierten und ernsthaft Sinn und Unsinn zu hinterfragen begannen, zögerte Beppo keinen Moment und verbannte sie ohne zu zögern in das 1586 KB entfernte Nachbardörfchen.

Dann ging Beppo daran, den "Wörtschl Markit" direkt am Datengemeindeweg zu errichten, da man sonderbarerweise den Anschluß zum Datenhighway noch nicht gefunden hatte.

Die Eröffnung des Bauernladens wurde mit einer seinesgleichen suchenden Feier begangen. In Anwesenheit der dörflichen Prominenz verlas Beppo eine gut erlogene Nachricht seines Sohnes aus der großen Stadt, in welcher er über die wunderbaren Dinge des WorldWideSepp und über die große Bewunderung der Städter für unser Dorf berichtete. Daraufhin eröffnete Beppo den neuen Laden mit den schicksalsschwangeren Worten, souffliert von Hyperm@n: "RTS/CTS!" Dieser Spruch wurde sofort in das Dorfwappen übernommen. Doch mitten in der größten Ausgelassenheit plötzlich ein Aufschrei aus dem durch die Bauarbeiten stark dezimierten Wald, der allen durch Mark und Bein ging und ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ: "Gevatter Beppo, Gevatter Beppo!" so schallte es grauenvoll durch die angebrochene Nacht - es war tatsächlich Beppos Sohn, abgemagert und heruntergekommen wie ein alter, arbeitsloser Stenotypist, der aus den letzten sieben Büschen des Waldes gekrochen kam. Und er schrie abermals laut: "Gevatter Beppo! Der Teufel der Initialisierung soll euch alle holen! Seht Ihr denn nicht, was Ihr angerichtet habt, ihr Häscher des Domains? Und schuld ist dieser verdammte Hyperm@n, der hat euch alle ins Gateway gestürzt, der Provider soll euch alle holen...!" Und verschied. Gebeutelt von tiefer Trauer, Angst und hysterischer Empörung, begannen die Dörfler, das große Werk niederzureißen.

Von allen guten Geistern der Erneuerung verlassen, war das Werk der letzten Jahre und Beppos großer Traum in wenigen Augenblicken dahin, der Bauernladen zerstört und der Datengemeindeweg zugeschüttet. Die geächteten Verräter der "Websportgruppe", welche seit Jahren auf diesen Augenblick gehofft und gewartet haben, nutzten die allgemeine Konfusion und zogen mit echten Pauken und Trompeten ins Dorf ein, stürzten den Dorfrat samt Vorstand und Kassier und übernahmen ab sofort das Kommando. In diesen Wirrnissen gelang es unserem Hyperm@n, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Gott sei Lob und Dank! Und er ward im Dorf nie mehr gesehen.

Fortsetzung folgt. Oder auch nicht.

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  Impressum | © Verlag Franz | Hyperm@n - Retter der Exportfiles am 07.09.2010 | 47 Besucher online