Satire von Georg Franz.
Viele Menschen haben ja überhaupt keine Ahnung, wie es bei einer Tageszeitung zugeht. Herbert hatte auch keine. Wahrscheinlich kam er gerade deswegen auf die glorreiche Idee, sich bei einer zu bewerben.
Allerdings bedachte er nicht, dass sich einige hundert Mitbewerber um den einen Arbeitsplatz streiten würden. Aber Herbert versteckte einen Trumpf in seinem Ärmel, den er zur richtigen Zeit gnadenlos ausspielte. Es waren Beziehungen! Seine Mutter kannte die Schwester des Pfarrers, der der Stiefonkel des Besitzers des Frisiersalons "Fifi" war. Eine seiner Friseurinnen hatte einen Freund, dessen Vater mit der Mutter jener Putzfrau vor 38 Jahren in Hintergloggnitz eine Sommeraffäre hatte, die in der Chefredaktion jeden Dienstag saubermacht. Bekanntlich haben Putzfrauen in der Chefredaktion einen größeren Einfluss, als allgemein angenommen wird ...
Herbert bekam den Job. Doch hatte die Sache einen Haken: Herbert war ein großartiger Sportexperte, er hatte sich seine ersten Sporen bereits als leidenschaftlicher Leserbriefschreiber verdient. Er war auch politisch interessiert, er konnte perfekte Chronikartikel mit einem Schuss Witz verfassen, und er war auch ein Meister der Kaffeezubereitung. Aber Wirtschaft! Nicht nur, dass er keine Ahnung von den wirtschaftlichen Grundbegriffen hatte, für Herbert war das Wort "Wirtschaft" in einer Zeitung eigentlich immer ausschlaggebend, sofort weiterzublättern.
An seinem ersten Tag in der Wirtschaftsredaktion wurde er als Anschauungsobjekt herumgereicht. Hunderte Namen prasselten auf ihn ein. Schnell lernte er die in einer Redaktion übliche Hackordnung kennen. An unangefochtener erster Stelle steht der Chefredakteur. Falls er einmal die wohlwollende Gnade besitzt, an einem vorbeizugehen, bleibt nichts anderes übrig, als sein Haupt demütig zu senken, ehrfurchtsvoll auf die Knie zu fallen und den Gott zu grüßen.
Der Chef vom Dienst ist immer noch ein unnahbarer Heiliger. Erste menschliche Züge bekommt erst der Ressortleiter. Der allgemeine Redakteur, Leute vom Fotoarchiv und die Damen von der Rezeption sind unantastbare Respektspersonen. Der Volontär ist - kurz gesagt - das Nichts, das gerade noch geduldet wird. Dass der Sportreporter noch weniger zählen soll, ist ein unbestätigtes Gerücht.
Gleich an seinem zweiten Tag hatte Herbert einen Aufmacher an der Angel. "Schwedisches Königshaus eröffnet Lokal in Wien" war die Überschrift seines Artikels. Als das Telefon klingelte und der zuständige Redakteur gerade nicht im Zimmer war, hob Herbert verstohlen den Hörer ab. Es meldete sich Herr Svennson, der Sekretär des Bruders des schwedischen Königs. In perfektem Deutsch teilte er Herbert mit, dass die schwedische Königsfamilie in Wien-Simmering ein nobles Restaurant in zwei Monaten eröffnen würde. Die positive Konjunkturlage in Österreich und die freundlichen Menschen in diesem Bezirk seien die entscheidenden Gründe gewesen. Die 1000 Quadratmeter Fläche sollen einen Umsatz von 50 Millionen Schilling pro Jahr erwirtschaften. Wenn sich der erwartete Erfolg einstellt, sind noch weitere Neueröffnungen in Wien geplant.
Nachdem Herbert den Artikel eilig geschrieben hatte, ging er schnurstracks zum Produktionsleiter. Auf die Frage, ob denn der schwedische König überhaupt einen Bruder hätte, antwortete Herbert mit einem selbstsicheren "Ja, der Sekretär hat das doch gesagt!". Es folgte ein Schmunzelanfall des Ressortleiters und eine minutenlange Belehrung. Herberts Aufreißer wurde ersatzlos gestrichen. Richtig beleidigt war er am nächsten Tag, als er in einer Boulevardzeitung gerade seinen Artikel - mit anderen Worten - lesen konnte.
Eine Katastrophe geschah am Ende der ersten Arbeitswoche. Unvorstellbar, eine Welt ging unter. Die gesamte Redaktion verzweifelte, wusste weder ein noch aus. Nein, es wurde nicht die Einstellung der Zeitung bekannt gegeben, auch wurden keine Gehälter gekürzt. Der Kaffeeautomat war kaputt! Wahnsinn. Woraus soll ein Journalist denn sonst seine Schöpfungskraft für seine Artikel ziehen?
Es gab zwar noch eine zweite Kaffeemaschine im Haus, die dem Chefredakteur gehörte, die war aber hoffnungslos überlastet. Die Situation wurde immer schlimmer. Es drohte, die schlechteste Ausgabe des Jahres zu werden. Herbert hatte die Idee seines Lebens. Er ging zum Chefredakteur und schlug vor, Kaffeehilfslieferungen vom Kaffeehaus gegenüber zu organisieren. Die nächste Ausgabe war gerettet.
Als Belohnung durfte er seine erste Geschichte schreiben, die am nächsten Tag sicher erscheinen sollte. Er quälte sein Hirn, der Artikel musste gut werden. Und endlich hatte er die passenden Worte gefunden:
"Die Gläubiger der vier insolventen Unternehmen des Vieh- und Fleischhändlers Willi Rumpold haben gestern mit deutlicher Mehrheit einer 40prozentigen Ausgleichsquote zugestimmt. Das teilte der Kreditschutzverband von 1870 in einer Aussendung mit."
Der Ressortleiter war von Herberts sprachlicher Gewandtheit überrascht. Er fand die Geschichte so gut, dass er sie ohne Bedenken übernahm. Nur strich er den letzten Satz aus Platzgründen weg.
Herbert war im siebten Himmel. Er konnte den nächsten Tag gar nicht mehr erwarten. Endlich würde auch ein Artikel von ihm in einer großen Zeitung stehen. Die Nacht wollte nicht vergehen, an Schlaf war sowieso nicht zu denken. Am nächsten Morgen stand er eilig auf und kaufte zehn Zeitungen. Schließlich wollte er ein ewiges Andenken an seine ersten großartigen Leistungen in seinem Leben haben. Endlich gehörte er auch zu den Journalisten.
Die restlichen Tage seines Volontär-Monats vergingen wie im Flug. Und Herberts Arbeit wurde sogar anerkannt. Seinem weiteren Aufstieg stand nun nichts mehr im Wege. Immerhin schrieb er insgesamt drei Artikel. Der Chefredakteur beförderte ihn vom Volontär zum Kolporteur.
Er würde sogar ein höheres Gehalt bekommen. Aber Herbert konnte diese Ehre nicht annehmen, er fand sich nicht würdig genug dazu. Er hatte ja von Wirtschaft immer noch keine Ahnung.