Satire von Georg Franz.
Die Nacht bricht aus, in vollen Zügen und mit wuchtiger Gewalt. Ein paar graue Wolken verwehren den Blick zum Sternenlicht. Nur der Mond gibt sich im faden, verhangenem Gelb der Vergangenheit. Die Großstadt pulsiert ganz schwach, sie erholt sich langsam vom Verkehrsinfarkt.
Hier ist sie wieder, die grausame Mörderin namens Eva. Und dort, so eben eingetroffen, ihr neues Opfer. Der Prozess ist für ihn kurz, sie sticht auf ihn ein. Er stirbt, anschließend spielt sie mit ihrem Messer am toten Körper, er ist danach nicht wieder zuerkennen. Die gute Polizei wird ihre liebe Not haben, ihn zu identifizieren. Nur mehr die Zähne sind an ihrem angestammten Platz. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, ist ihr treuer Leitspruch. Dann verschwindet sie im Grauen der Nacht. Zufrieden.
Nachdem die Polizisten die letzten Körperteile zusammengekehrt haben, werfen sie sie in den Müllkübel. Ein Begräbnis wäre zu teuer, ist auch unnötig. Was hat der Tote davon, in einem Sarg dahinzufaulen? Die Würmer verdauen ihn auch so. Und Verbrennen würde nur unnötig die Umwelt belasten.
So hat die Mörderin der Menschheit wieder einen großen Dienst erwiesen. Gott sei Dank wieder ein Mensch weniger, ein wahrer Segen für die Wirtschaft. Der durch den Tod Beglückte wäre schon nächste Woche entlassen worden. Nur durch sein schnelles Dahinscheiden trägt er zur Rettung des Sozialsystem bei. Es beziehen einfach schon zu viele Arbeitslosengeld. Nicht auszudenken, wenn er vielleicht auch noch in Frühpension geschickt worden wäre. Das Pensionssystem hängt doch an einem seidenen Faden. Er hätte dann sicher später auch einmal ein Altersheim beansprucht. Kosten über Kosten, die durch ihn verursacht worden wären. Aber das hat endlich einen guten Ausgang gefunden. Seine Witwe kann wieder einen Neuen suchen. Auch sie ist sicherlich zu­frieden.
Die Mörderin hatte nicht viel Zeit zum Ausruhen. Die Aufträge häufen sich in letzter Zeit. Von wem sie die Aufträge bekommt? Das weiß man nie so genau, und die Auftraggeber sind unterschiedlich. Ehefrauen, Ehemänner, erboste Arbeiter, Freunde, die Regierung, also eigentlich alle. Sie hat zwar schon Beschwerden bekommen, dass sie die Leichen nicht so verunstalten soll, töten genügt, aber irgendwie muss sie sich ja jede verwirklichen.
Ob diese Plastiksprengstoffladung ihn wirklich in alle Einzelteile zerfetzen wird? Quälende Gedanken treiben sie ruhelos umher. Eigentlich müsste es reichen. Sie hatte sich wieder etwas Neues einfallen lassen, innovativ ist sie schon als Kind gewesen. Nach der für den Mann ungesunden Explosion mit letalen Folgen, verarbeitete sie seine Teile in einen schönen Schneemann und schrieb "Snowboarden is dangerous" mit Blut in den Schnee. Sie hasst Snowboarder. Aber das ist eine andere Geschichte.
Endlich war der Chef eines Investmentunternehmens, ihr diesmaliger Auftraggeber, von seinem lästigen Mitarbeiter erlöst. Hat der doch tatsächlich die win­zige Steuerhinterziehung durchschaut und wollte ihn erpressen. Ja, tut man denn so etwas? Das ist wirklich gegen die guten Sitten.
Der Nutzen für die Wirtschaft war diesmal besonders groß. Wieder ein Arbeitsloser weniger, wieder keine Pensionszahlungen und vor allem kein Gefängnisaufenthalt für den Chef. Das wären erst Unkosten gewesen, nicht auszudenken.
Aber diesmal hat sie sich wirklich ein wenig Ruhe verdient. Zuhause angekommen, setzt sie sich vor den Fernseher. Die Nachrichten sind immer das Interessanteste für sie. Aha, sechs Kinder beim Schlittenfahren mit Granate getötet. Ja, das sind eben wahre Könner, die Serben. Sie hätte es nicht besser machen können.
Heute in der Früh hat sie für ihre Nachbarin eine kleine Geburtstagsüberraschung vorbereitet. Die Mörderin ist schon ganz gespannt, ob ihre Königskobra - sie hört auf den schönen Namen Susi - schon Bekanntschaft mit der unliebsamen Person von nebenan gemacht hat. Sie wird für diese Aktion zwar nicht bezahlt, aber auch Spaß muss einmal sein.
So ein Mist, hätte die Kadaververwertung denn nicht ein bisschen warten können? Dass die es immer so eilig haben, mit dem Abtransport der Leiche. Na gut, die haben auch viel zu tun. Leute, die wenigstens ein wenig Geld gespart haben, können sich die Verwertung gerade noch leisten. Ist für diejenigen gedacht, die ihrem Mülleimerleben nicht auch noch einen Mistkübeltod hinzufügen wollen. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Die Zeit kennt keine Gnade mit ihr, der nächste Tag ist soeben angebrochen. Diesmal muss sie ganz früh aufstehen. Ein Lehrer ist ihr nächster Auftrag, einer der mit den Hühnern den Tag beginnt, wenn es welche geben würde in der einsamen Stadt. Sie überprüft mit ihrem Handy, ob die Schüler schon ihr Honorar überwiesen haben. Für Leute unter Achtzehn macht sie einen Sondertarif, eigentlich sogar ein Diskontpreis. Sie wusste noch von ihrer eigenen Kindheit, dass das Taschengeld immer knapp gewesen ist.
Doch der Lehrer kam ihr zuvor, sie findet ihn schon halbtot, noch etwas röchelnd in seiner Wohnung - baumelnd. Schnell ruft sie das Krankenhaus an, schließlich ist er Organspender ... Sie ist eine Heldin. Wieder ein Arbeitsloser und ein zukünftiger Pensionist weniger, aber das wissen wir bereits. Viele gequälte Schüler können sich freuen. Alle sind glücklicher, insgesamt. Er hoffentlich auch. Das Honorar zahlt sie den Schülern zurück, Diebin will sie keine sein.
Abend. Sie zieht sich schön und vor allem sehr attraktiv an. Ihr neuer Auftraggeber will im schönsten Moment seines Lebens, am Höhepunkt, dahinscheiden, im wahrsten Sinne des Wortes, kurz und vor allem schmerzlos. Als Pretty-Woman-Verschnitt geht sie mit ihm aus. Unbemerkt schüttet sie ein spezielles Nervengift in seinen Wein. Ab jetzt hat er nur noch 45 Minuten und ein paar Sekunden zu leben. Beeilung ist angesagt, sie führt ihn in ein Hotelzimmer. Er genießt in vollen Zügen und stirbt. Sie schneidet ihm seinen Penis ab. Der würde sich gut machen, in einem schönen, geschlossenen Glas, in Alkohol eingelegt. Vielleicht sollte sie ihn noch vergrößern, Angeberei kann nie schaden. Befriedigt verlässt sie das Zimmer mit dem guten Stück in der Hand und steigt in ihr Auto.
Die Hotelrezeption ist das von ihren Gästen in letzter Zeit schon gewohnt. Anfangs gab es noch aufgeregte Medienberichte, aber heute kräht kein Hahn mehr danach.
Ein unverzeihlicher Fehler, aber nicht vorhersehbar, sie ist zu leichtsinnig, zu gedankenverloren gewesen. So ein Autounfall kann einem die ganze Nacht versauen, vor allem dann, wenn man deswegen stirbt.
Dabei hätte sie noch so viele Pläne gehabt. Ein Haus auf dem Land wollte sie sich kaufen, eine Familie gründen, Kinder haben. Bücher lesen, sich weiterbilden, neue Tötungsarten erfinden. Aber was soll's, andere können sich ihre Wünsche auch nicht erfüllen.
Das war das Leben der Mörderin. Ein unbeschreiblicher Verlust für die Menschheit. Wer wird jetzt um die Zufriedenheit der Menschen kümmern? Wer wird unser Sozialsystem retten, es beschützen? Wer tut etwas gegen die Arbeitslosen­rate? Und wer sorgt nun für Susi?
Ja, diese Welt ist unweigerlich ihrem Untergang geweiht.